Immer auf die DickenÜbergewichtige Menschen werden weltweit als faul und unmotiviert abgestempelt. Aber ist Abnehmen tatsächlich nur eine Frage des Willens und der Disziplin?
Im Jahr 1972 veröffentlichte John Lennon einen Song unter dem provokanten Titel „Woman ist the Nigger of the World“. Der Liedtext weist darauf hin, dass Männer Frauen unterdrücken und ausbeuten – egal welcher sozialen Schicht sie angehören, durch welche Kultur sie geprägt wurden oder welcher ethnischen Herkunft sie sind. Diskriminierung, so die zornige Botschaft, kann ebenso eine Frage des Geschlechts wie der Hautfarbe sein, sie existiert, solange Menschen wegsehen und schweigen.
Im Deutschland des Jahres 2011 sind 75,4 Prozent der Männer übergewichtig und 58,9 Prozent der Frauen. Man kann sagen, dass Übergewichtige in unserem Land eine gesellschaftliche Mehrheit darstellen. In allen anderen Industrienationen sieht die Situation ähnlich aus. Dennoch sind Übergewichtige weit davon entfernt, eine gesellschaftliche Kraft darzustellen. Sie entscheiden keine Wahlen, üben keine Geschmacksdiktate aus, haben keine Lobby. Das liegt daran, dass sich Menschen mit Übergewicht weder als Gemeinschaft noch als gesellschaftliche Gruppe fühlen – allenfalls als Leidensgenossen. Die meisten Betroffenen wollen das Stigma des Dickseins unbedingt loswerden, deshalb boomt der Markt der Diätprodukte und Magen-Bypass-Operationen. Viele übergewichtige Menschen suchen darin so etwas wie eine Erlösung. Doch alle Vorher-nachher-Geschichten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der Übergewichtigen stetig zunimmt. Dass Perfide am Geschäft mit der Illusion vom Alles-ist-möglich-wenn-man-nur-diszipliniert-genug-abnimmt, besteht darin, dass sie das Denken vergiftet – auch beim schlanken Rest der Bevölkerung.
Und so fragt man sich, was eigentlich mit diesen Millionen von Männern und Frauen los ist, die mit ihrem Körperumfang gegen die als wünschenswert erachtete Schlankheitsnorm verstoßen, ihre Erfolgsaussichten trüben und sogar ihre Gesundheit gefährden.
Längst liegt der Verdacht nahe, dass ihre Disziplinlosigkeit größer ist als ihr Wunsch abzunehmen. Sie fangen zwar Diäten an, halten sie aber meist nicht durch. Sie verweigern sich dem Normalgewicht, und trotz ärztlicher Bemühungen, zahlloser Aufklärungskampagnen und diverser Abnehmbemühungen sind sie nicht schlanker als zuvor. Was aber ist das eigentlich, das Normalgewicht? Medizinisch versteht man darunter ein Körpergewicht, das in einer gesunden Relation zum Alter und zur Größe steht. Wer also übergewichtig ist, befindet sich ein einem Zustand, der nicht gesundheitsfördernd ist und unbedingt geändert werden sollte. So jedenfalls sieht es die Schulmedizin, obwohl wissenschaftliche Belege dafür gar nicht erbracht sind. Was also wird ein Arzt einem übergewichtigen Patienten empfehlen? Genau – sein Gewicht zu reduzieren, zum Beispiel mit einer Diät und einem ausgewogenen Maß an Sport. Doch das Konzept vom Normalgewicht hat einen Haken. Es setzt voraus, dass der Stoffwechsel eines jeden Menschen in der Lage ist, normal zu arbeiten. Was aber, wenn das nicht funktioniert?
Dieser Frage ist eine Gruppe internationaler Wissenschaftler nachgegangen. Dabei wurde entdeckt, dass bei Übergewichtigen eine von der Medizin bisher übersehene gravierende Stoffwechselstörung vorliegt. Genauer gesagt, ist die Fähigkeit des Gehirns gestört, Energie aus den Körperdepots zu ziehen. Die aber ist die Grundlage eines gesunden Stoffwechsels, bei dem das Gehirn genau die momentan benötigte Energiemenge aus der Leber, dem Muskel- oder Fettgewebe anfordert. Erst später werden geleerte Depots durch Essen wieder aufgefüllt. Doch dieses wunderbar effiziente Prinzip funktioniert bei Übergewichtigen nicht mehr optimal – es ist geschädigt. Die häufigste Ursache ist Dauerstress. Meist handelt es sich dabei um sogenannte psychosoziale Stressoren – Angst vor Arbeitslosigkeit, andauernde finanzielle Probleme, ungelöste Konflikte im Job (Mobbing) oder anhaltende familiäre Spannungen. In emotionalen Krisensituationen kann es zur dauerhaften Überlastung des Stresssystems kommen. Das hat Folgen für den Energiehaushalt: Das Gehirn verliert die Fähigkeit der Energiebestellung aus dem Körper. Es muss in der Folge immer mehr gegessen werden, um die Gehirnversorgung zu sichern. Man nennt diese „comfort eating“ – essen, um sich wohler zu fühlen. Stressbedingtes Mehressen führt zu Übergewicht, allerdings nur, wenn genügend Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. In früheren Zeiten war Menschen mit chronischem Stress diese Möglichkeit des „comfort eating“ weitgehend verwehrt, weil die Nahrungsressourcen zu knapp waren. Die Strategie des Gehirns, mehr Nahrung anzufordern, um die eigene Energieversorgung zu sichern, zielt vor allem auf einen Stoff ab: Glucose. Das Hirn operiert dabei „egoistisch“, weil sich im Stoffwechsel unseres Körpers alles um die Energieversorgung des Gehirns dreht. Sie hat oberste Priorität. Das Gehirn konkurriert sogar mit dem eigenen Körper. Eine Unterversorgung des zentralen Nervensystems ist die denkbar größte Krise im menschlichen Organismus.
Seit Jahrzehnten fragen sich Ernährungsforscher, Physiologen, Diabetologen, warum die Menschheit immer dicker wird, obwohl weltweit Milliardenbeträge in Forschung, Aufklärung und Behandlung von Übergewicht geflossen sind. Es liegt auf der Hand, dass die Medizin am Problem der globalen Übergewichts-Epidemie bisher mit Erfolg gescheitert ist. Um das zu bemänteln, braucht es schon ein Heer von Sündenböcken. Was wäre da geeigneter, als die Mär von Millionen undisziplinierten Dicken, die partout nicht abnehmen wollen? An diesem Punkt nimmt die Diskriminierung ihren Lauf. Sie findet am Arbeitsplatz statt, in Schulen, an Universitäten und nicht zuletzt auch im Gesundheitswesen. Die Vorverurteilung übergewichtiger Menschen erfolgt nach einheitlichen Mustern: faul, unmotiviert, mangelhafte Selbstdisziplin, unkooperativ. Politik und Gesellschaft lassen diese Diskriminierung zu und setzen so übergewichtige Menschen sozialer Ungerechtigkeit und unfairer Behandlung aus.
An dieser Haltung konnten auch wissenschaftlich hochrangige Befunde zum Thema bisher nichts ändern. Bereits 2001 veröffentlichte die Universität Yale eine richtungsweisende Studie, die aufzeigt, dass das Ausmaß von Gewichtsdiskriminierung in den USA mittlerweile vergleichbar ist mit dem der Rassendiskriminierung. Allein der Vergleich, dass Dicke so massiv benachteiligt werden wie Afroamerikaner, hätte bei dem in den USA hochsensiblen Thema für einen Sturm der Entrüstung sorgen sollen. Doch eine öffentliche Diskussion blieb bis heute aus.
So auch in Deutschland. Lassen Sie uns endlich in aller Öffentlichkeit über die Diskriminierung von übergewichtigen Menschen in unserer Gesellschaft reden, meinetwegen auch streiten – in der Medizin, in der Arbeitswelt, in der Politik, in den Medien und in der eigenen Familie. Hauptsache, wir nennen das Problem endlich beim Namen.
Als Ernährungsmediziner im Hausarztzentrum-Brüggen stehe ich Ihnen gerne zur Seite.